Das Kirchliche Wort – Freie Presse am 11.1.2003
Kennen Sie die Geschichte?
Da schickt Gott seinen Propheten Samuel nach Bethlehem, um einen von Isais Söhnen zum König zu machen. Und obwohl andere viel besser geeignet zu sein scheinen, wählt Gott einen noch völlig unerfahrenen, milchgesichtigen Grünschnabel aus: David. Seine Wahl erklärt Gott dem Samuel mit den Worten: „Der Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an.“ Sie können diese Geschichte nachlesen im Alten Testament, in 1.Samuel 16,1-13. Dieser eine Satz aber will mir nicht mehr aus dem Sinn. Wie oft urteile ich nach dem, was ich sehe? Äußerlichkeiten spielen bei meinen Entscheidungen eine wichtige Rolle. Ich setze mir Masken auf, um zu verhindern, dass andere mein Innerstes sehen. Ich mache anderen ständig etwas vor – in der Familie, in der Nachbarschaft, unter Kumpels, im Kollegenkreis. Und wenn ich es gut anstelle, dann glauben mir die anderen meine Show. Vielleicht ist es ja ganz gut so, dass die anderen mir nicht ins Herz schauen können. Gott aber kann es. Er sieht, was los ist in mir. Er kennt mich bis ins Detail. Erschreckend? Nein, denn Gott sieht mich ja in Liebe an! Er lässt sich nicht blenden von bloßen Äußerlichkeiten und reduziert mich nicht auf die Summe meiner Leistungen und Taten. Gott kennt mich, wie ich mich selbst nicht kenne. Er sieht mich an als das, was ich in Seinen Augen bin – sein Geschöpf, sein Gegenüber. Wenn ich nun am Beginn des neuen Jahres unsicher bin, was alles auf mich zukommen wird, kann ich ihm vertrauen. Denn das Entscheidende dieses Jahres ist schon längst geschehen: Er sieht mich mit Augen der Liebe an, trotz meiner Schwächen und meines Versagens. Wenn sich in diesem Jahr auch alles anders werden sollte - daran wird sich nichts ändern!
Lutz Brückner, Pastor der Evangelisch-methodistischen Kirche in Grünhain
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