"Die den Herrn lieb haben, sollen sein, wie die Sonne aufgeht in ihrer Pracht." (Richter 5,31) Was für ein Bild! Einmal im Urlaub im Schwarzwald standen wir früh auf. Noch lange vor der Dämmerung Fahrt zum Feldberg. Die letzte Strecke gelaufen auf 1.500 m, bepackt mit Stativ und Kamera. So früh geht noch kein Sessellift. Fast noch von Norden ging die Sonne auf, so unser Eindruck. Ein geräuschloses Farbenspiel, wie es grandioser nicht sein kann. Das Licht bricht sich in prächtigen, zarten, horizontal sich entwickelnden Aquarelltönen. Lange bevor die Sonne zu sehen ist, ja – eigentlich nur so lange, bis die Sonne zu sehen ist: die reinste Farbenpracht.
Ein andrer Tag. Mit einer Inforeise in Ägypten. Wir steigen um 5 Uhr aus dem Nachtzug, sind schon vor 6 an der Tempelanlage von Karnak. Wir stehen im Vorhof, als durch die große Säulenhalle, die ihresgleichen auf Erden sucht, durch all die Säulen und Tore hindurch die Sonne aufgeht. Was für ein Schauspiel, als seien all die Säulen und Tore, das ganze gigantische Bauwerk geschaffen, die Pracht der Sonne zu feiern und anzubeten. Wir erinnern uns an biblische Bilder, die Gott, die seinen Sohn Jesus Christus mit Sonnenbildern beschreiben: Herr, mein Gott, du bist sehr herrlich; du bist schön und prächtig geschmückt. Licht ist dein Kleid, das du anhast. (Ps104); Christus spricht: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben. (Joh8); Im Advent sangen wir: Er ist die rechte Freudensonn. An Weihnachten: Ich lag in tiefster Todesnacht, du warest meine Sonne, die Sonne, die mir zugebracht Licht, Leben, Freud und Wonne. In der Epiphaniaszeit: O Jesu Christe, wahres Licht. Das ganze Kirchenjahr über besingen wir die „Sonne der Gerechtigkeit".
Und nun ist am trüben, kalten Februaranfang, an dem der Mensch sich gemeinhin besonders nach Licht und Wärme sehnt, an dem in unseren Breiten in der Regel der Himmel tief verhangen ist und die Tage trotz Wintersonnenwende immer noch kärglich hell sind, nun ist der Mensch ein Sonnenträger. Trägt Göttliches - Licht in seiner Pracht - an sich. Wer ist dieser Mensch? Es ist der, der Gott lieb hat. Am Ende des Debora-Liedes findet sich der Monatsspruch für den Februar. Das Debora-Lied ist kein „schönes" Lied. Jael wird gepriesen, die Siseras Haupt mit einem Pflock zerschlug und „zermalmte und durchbohrte seine Schläfe". Krieger ziehen aus, Pferde stampfen und dampfen, mächtige Männer im Krieg, Schlachtengeschrei, Frauen warten bangend auf ihre Männer. Beute wird gemacht, „ein Weib, zwei Weiber für jeden Mann", des zermalmten feindlichen Königs blutgetränkter Schal um den Hals als Beute. „So sollen umkommen, Herr, alle deine Feinde! Die ihn aber lieb haben, sollen sein, wie die Sonne aufgeht in ihrer Pracht." Damit endet das Debora-Lied. Der Geschichtsschreiber fügt lapidar an: „Und das Land hatte vierzig Jahre Ruhe."
So hatten wir uns das nicht gedacht, wenn der Mensch, der Gott lieb hat, aufgeht wie die Sonne in ihrer Pracht. Hatten gedacht, da sei doch der Mensch in seiner möglichen Größe erkannt: „Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt. Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk." (Ps 8) Doch nun entpuppt sich der prächtig aufgehende Mensch doch nur als „alter Adam". Der Tod mit Tod vergilt. Gewalttat mit Vergewaltigung. Raub mit Raub. Auge um Auge.
Einzig rührt mich diese schmale Notiz am Ende: „Und das Land hatte vierzig Jahre Ruhe." Für Menschen, die nur Krieg kennen und Elend, die nur Spielball sind - für die Elenden klingt das wie Schalom: „Und das Land hatte vierzig Jahre Ruhe." Ob wir in unseren Breiten noch die Wirklichkeit in Afrika im Blick haben und wirklich verstehen? Haben uns die „sechzig Jahre Ruhe im Land" den Blick verstellt auf die Sehnsucht der Zweidrittelwelt nach endlich „vierzig Jahren Ruhe"?
Der Monatsspruch des Februars ist keine Antwort. Er stellt heikle Fragen. Wichtige Fragen. Pfarrer Gerhard Engelsberger (Wiesloch)
|