Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. (Psalm 139,5)
Gedanken zum Monatsspruch:
Es gibt nicht wenige Menschen, denen es äußerst schwerfällt, diesen Satz positiv zu verstehen. Das sind Menschen, die Gott als ein kontrollwütiges Wesen vermittelt bekommen haben: Da IHM ja nichts verborgen ist, weiß ER auch immer über alles Bescheid – über die gefälschte Unterschrift unter der 6 in Mathe, genauso wie über die gezinkte Steuererklärung, die begehrlichen Gedanken über das, was der Nachbar sich leisten kann oder über die schlechten Gedanken, die ich über diesen oder jenen Mitmenschen habe. Pass also gut auf, was Du tust, denn Gott schaut auf Dich herab!
Gott schaut herab auf mich und sieht alles, was ich tue – das empfinden viele als Einengung und Bedrohung. Ich erinnere mich noch sehr deutlich an ein Gespräch mit ein paar Jugendlichen über genau diesen Vers, die sehr drastisch ihre Verärgerung ausdrückten und Gott mit der Stasi oder den jüngsten Überwachungsvorfällen bei Lidl oder der Telekom in Verbindung brachten. Haben wir von so einem Gott überhaupt was Gutes zu erwarten?, so fragten sie.
Doch wenn ich diesen Psalm 139 in seiner Gesamtheit lese, erkenne ich, dass es dem Psalmbeter um etwas ganz anderes geht – nämlich genau um das Gute, das wir von Gott erwarten können! Der Psalmbeter will Gott nicht als den darstellen, der uns überwacht und uns nachspioniert. Gott will mich nicht gängeln und an der kurzen Leine führen. Es geht nicht um totale Kontrolle, sondern um seine bedingungslose Zuwendung zu uns Menschen. Der Psalmbeter lässt uns Anteil daran nehmen, wie er Gott erlebt: Es ist angenehm, Gott als den zu empfinden und zu erleben, der mich in meiner Notlage in seiner Hand hält, der mich umgibt und seine Hand schützend über mich hält. So darf ich mich geborgen fühlen, denn ER ist überall. Nichts kann mich von IHM trennen. Sind das nicht wunderbare Erfahrungen? Gott will uns nicht einschüchtern und überwachen, sondern er will seine Hände über uns halten. „Seine Hände über uns halten“ – das bedeutet nichts anderes als: „segnen“! So möchte ich uns allen einen Segenswunsch weitergeben, der genau den Erfahrungen des Psalmbeters entspricht:
Gott sei vor dir, um dir den rechten Weg zu zeigen. Gott sei neben dir, um dich in die Arme zu schließen und zu schützen. Gott sei hinter dir, um dich zu bewahren vor der Heimtücke böser Menschen. Gott sei unter dir, um dich aufzufangen, wenn du fällst, um die aus der Schlinge zu ziehen. Gott sei in dir, um dich zu trösten, wenn du traurig bist. Gott sei um dich herum, um dich zu verteidigen, wenn andere über dich herfallen. Gott sei über dir, um dich zu segnen. So segne dich der gütige Gott. Amen.
Lutz Brückner
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