„Denn so spricht der HERR zum Hause Israel: Suchet mich, so werdet ihr leben.“ (Amos 5,4)
Gedanken zum Monatsspruch
„Das ist ein schöner Satz! Kurz, mutmachend, eine schöne Botschaft, da lässt sich doch was draus machen!“ Das waren meine ersten Gedanken, als ich den Monatsspruch gelesen und mich für die Andacht eingeschrieben hatte. Also gleich mal das ganze Buch Amos durchgelesen...
Das Buch ist wie der Monatsspruch sehr kurz, doch leider viel weniger schön zu lesen. Denn da geht es ganz schön zur Sache. Der schöne Spruch steht einsam und ziemlich verloren mitten in der Ankündigung von Gewalt, Leid und Tod. Plötzlich war die Andacht nicht mehr so einfach wie gedacht.
Was ist die Botschaft von Amos? Israel lebte gerade in Sicherheit, die angrenzenden Länder waren schwach und es herrschte Wohlstand. Die Menschen fühlten sich stark und sicher. Aber es war nicht alles gut. Die Schere zwischen Arm und Reich ging immer weiter auseinander. Wenige hatten viel Besitz und beuteten die normalen Bürger aus. Recht und Gerechtigkeit wurden zugunsten der Mächtigen und Wohlhabenden verbogen. Auch im Glaubensleben lief nicht alles gut. Nach außen wurden die religiösen Pflichten erfüllt, Opfer, Feste und Gottesdienste wie vorgeschrieben abgehalten. Dadurch und weil sie ja das von Gott erwählte Volk waren, fühlten sie sich bei Gott sicher und geborgen. Aber alles war zu einer Hülle geworden, innerlich hatten sie sich von Gott entfernt. Zu sehen war es unter anderem eben an der herrschenden Ungerechtigkeit.
In diese vermeintliche weltliche und religiöse Sicherheit bricht Gott mit seiner Anklage und der Ankündigung von Krieg und Gericht. Alles, worauf sich das Volk verlässt und was sie sicher leben lässt, wird weg brechen. Israel hat Gott verlassen, darum zieht er seinen Schutz zurück.
Tja, so ist das Volk Israel, undankbar und untreu. Durch das ganze Alte Testament zieht sich das. Sie erleben große Dinge mit Gott, sind ihm kurze Zeit treu, fallen von ihm ab, bekommen die Folgen zu spüren, wenden sich wieder zu Gott, er erbarmt sich und alles beginnt wieder von vorn. Ich kann das nicht verstehen. Was sie nicht alles mit Gott erlebt haben, die Führung und Bewahrung, all die Wunder vom Auszug aus Ägypten bis zur Eroberung des Landes. Wenn ich nur Gott so erleben würde wie sie! Ich würde doch von Gott begeistert sein und niemals wieder von ihm lassen!
Wie ich das so denke, beschleicht mich langsam ein komisches Gefühl. Geht es jetzt um Israel oder habe ich nicht gerade mein eigenes Leben vor Augen? Was kann ich doch überheblich sein! Wenn ich auf Israel sehe, blicke ich in einen Spiegel, genau so bin ich! Auch ich habe Gottes Führung oft erlebt, ich bin ihm begegnet und er hat zu mir gesprochen. Trotzdem ist mein eigener Glaube oft nur eine Hülle. Andere halten mich für einen guten Christ, weil ich keinen Gottesdienst versäume und die Bibelstunden besuche. Aber ich weiß genau, wie wenig Gott in meinem Alltag vorkommt. Mein Denken und Handeln wird nicht zuerst von seinem Willen bestimmt, ich vergeude meine Zeit, kaum dass ich mir abends Zeit für ein kurzes Gebet nehme, die Bibel liegt unbenutzt herum... Nach Außen bin ich ein Christ, aber innerlich oft weit von Gott entfernt.
Und wie wenig bin ich mir meiner Abhängigkeit von Gott bewusst! Ich bin gesund, habe Arbeit, eine gute Familie, reichlich Essen und Trinken, jeden Abend ein Bett und ein Dach darüber. Auch ohne Gott fühlt sich mein Leben lebenswert, schön und erfüllend an. Mir scheint das so selbstverständlich und dadurch merke ich nicht, wie notwendig Gott für mich ist. Wie schnell kann das alles weg brechen, von einem Moment auf den anderen! Alles worauf mein Leben baut und was sicher scheint, ist wackelig und porös.
Gerade noch war das Buch eine Botschaft von Amos an Israel und plötzlich spricht Gott zu mir! „Suche mich, so wirst du leben“ sagt er zu mir in meine aktuelle Situation.
Mein Leben muss nicht so bleiben, es kann anders und zu wahrem Leben werden! Ich kann jetzt sofort umkehren, gleich wenn ich merke, dass etwas schief läuft. Immer wieder kann ich das tun. Jeden Tag wieder habe ich die Möglichkeit, mein Leben zu ändern. Ich will Gott suchen, an jedem Tag, in jedem Winkel meines Lebens und ich will bewusst mit ihm leben!
Michael Seidel
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