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Monatsspruch April 2006

Jesus Christus ist die Versöhnung für unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.
(1.Johannes 2,2)

Was Johannes hier schreibt, wissen wir schon längst: Jesus ist für die ganze Welt am Kreuz gestorben. Aber oft wird dies einfach nur als Floskel herumgeworfen, ohne auch nur annähernd eine Ahnung und Vorstellung von der umfassenden Umwälzung des Weltgefüges zu haben, die sich dadurch ergeben hat. Gott ist als ein Mensch für die gottlosen Menschen den von ihnen selbst gewählten gottverlassenen Tod gestorben. Der Schöpfer hat sich zum Teil seiner Schöpfung gemacht, die sich von ihm los gesagt hat. Also ich kann das bei weitem nicht überblicken und verstehen.

Und doch ist diese Tatsache für mich zur Antwort auf eine Frage geworden, die mich ab und zu beschäftigt. Es ist die Frage nach dem Grund des Glaubens. Warum glaube ich? Warum sollte ich glauben? Aus welchem Grund möchte ich mit Gott leben?

Dazu kommt mir immer der vielleicht etwas voreilige Gedanke: Klar, um gerettet zu werden, um zu Gott zu kommen und die Ewigkeit bei ihm zu verbringen, um nicht auf ewig von Gott getrennt zu sein. Oder einfach ausgedrückt: Um am Ende besser da zu stehen. Also zu meinem Vorteil.

Das befriedigt mich aber aus verschieden Gründen nicht richtig. Meine Antwort darauf hat mit dem Sterben von Jesus zu tun. Wenn man in der Bibel über das Sterben von Jesus liest und die Texte auf sich wirken lässt, erfährt man, dass er nicht so locker lässig entschlafen ist. Er ist sehr qualvoll gestorben. Die ganze Zeit hätte er einfach sagen können "Schluss, jetzt reicht’s!", und er wäre vom Kreuz gestiegen und alles wäre vorbei gewesen. Er hatte die Macht, alle, die ihn verhöhnten, tot umfallen zu lassen. Aber er hat es nicht getan. Er hat alles freiwillig mit sich geschehen lassen. Er hat sich freiwillig quälen lassen. Die Qualen allein waren schon schlimm, aber das Schlimmste war, dass er die Schmerzen jederzeit hätte beenden können. Das ist, wie wenn man seine Hand auf der heißen Herdplatte liegen lässt, obwohl man sie einfach wegziehen könnte.

Wie konnte er das durchstehen, was kein Mensch hätte durchstehen können? Ich bin davon überzeugt, dass in der Zeit, als es unerträglich wurde, ihn nur ein einziger Gedanke davon abgehalten hat, nicht einfach vom Kreuz zu steigen und dem Ganzen ein Ende zu machen. Ich glaube, er hat die ganze Zeit an mich ganz persönlich gedacht. Er hat sich in Gedanken ständig wiederholt: "Für'n Seidel Michael aus Grünhain! Ich muss durchhalten, für'n Michael! Der schafft‘s sonst nicht! Wenn ich das jetzt nicht durchstehe, hat er keine Chance mehr!"

Und jeder kann da seinen Namen einsetzen. Ich denke, dass es sehr wichtig ist, das Sterben von Jesus am Kreuz einmal ganz auf sich zu beziehen. Natürlich ist er auch für alle anderen Menschen gestorben, aber Gott (also Jesus) will ja mit dem Geschehen von Ostern uns ganz persönlich erreichen. Und um es für mich selbst richtig zu verstehen, muss ich mich ganz allein unter das Kreuz stellen. Es gibt dann nichts außer Jesus am Kreuz und mich, die ganze restliche Welt ist verschwunden. Und wenn er dann am Kreuz hängt, sieht er die ganze Zeit nur auf mich herunter. Er hat vielleicht Tränen im Auge und weint, weil er weiß, dass es mir noch viel schlechter ergehen wird, wenn er nicht durchhält. So hängt er am Kreuz und kämpft mit den Schmerzen, mit dem Spott und der Versuchung, einfach vom Kreuz herunter zu steigen. Aber er hält durch, weil er mich lieb hat, weil ich ihm so viel bedeute. Als er stirbt, sieht er die ganze Zeit auf mich, hält mich ganz fest im Blick. Nur der Gedanke an mich gibt ihm die Kraft, das durchzustehen. Er ist ganz allein für mich gestorben.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich kann das nicht richtig begreifen und verstehen. Ich habe eigentlich nur so eine Ahnung davon. Aber auch, wenn ich das nicht bis ins Letzte verstehe, weiß und glaube ich doch, das es so ist. Jesus ist für mich gestorben. Und wenn ich das erkannt habe, dann fordert mich das heraus. Da muss sich doch zwangsläufig eine Reaktion bei mir einstellen. Diese kann auf zwei Arten ausfallen: Entweder ich sage "Naja, ist ja schön und gut" und doch lässt mich das mehr oder weniger kalt. Oder es berührt mich ganz tief im Herzen und ich kann dann nicht anders als zu versuchen, diese Zuneigung zu erwidern. Und das Erwidern dieser Zuneigung ist das, was man gemeinhin Glauben nennt. Meiner Meinung nach ist der Glauben, also das Vertrauen und Lieben Gottes, die einzig vernünftige Reaktion. Dazu muss ich aber erkannt haben, dass Jesus für mich gestorben ist. Und dieses Erkennen kann mir niemand, auch nicht der geschickteste Prediger einreden. Das ist eine Gabe Gottes. Dieses Erkennen ist das Wirken des Heiligen Geistes.

Das ist also meine Antwort auf die Frage, warum ich glaube. Mit meinem Glauben antworte ich auf die Liebe, die Gott für mich hat. Wenn ich einmal den Blick des sterbenden Jesus erwidert habe und ihm am Kreuz in die Augen gesehen habe, kann ich gar nicht anders.

Michael Seidel


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